Zweihundertfünfzig Jahre in sechsundzwanzig Feldern
Der Mosaikfußboden liegt in jeder Loge. Schwarz und weiß, Licht und Dunkel – er meint das Ineinander von Freude und Last im Leben eines Menschen.
Hier unten liegt er auch. Er füllt sich, während Sie lesen. Die dunklen Felder sind die Jahre, in denen diese Loge schweigen musste.
1772
Ein Zirkel entsteht
Ludwig Heinrich Köpp, Stadtsyndikus in Osterode, sammelt einen ersten freimaurerischen Zirkel. Er nennt sich Zur Eintracht.
Die Männer kommen aus den Bergstädten des Harzes – aus Herzberg, aus Bad Lauterberg, aus dem Eichsfeld. Für eine einzige Zusammenkunft nehmen sie stundenlange Fahrten mit Pferd und Wagen auf sich.
1792
Patent Nr. 172
Landesgroßmeister Carl-August von Beulwitz verleiht der Osteroder Loge das Patent Nummer 172. Gegründet wird im Ratssaal des städtischen Guts Lindenberg.
Unter den Gründern sind Johann Friedrich Schachtrupp und August Meywerth, angesehene Bürger der Stadt. Köpp übernimmt den Hammer als erster Meister vom Stuhl.
1803 – 1808
Die erste Stille
Fünf Jahre lang ruht die Loge. Die napoleonischen Umbrüche stellen alles auf den Kopf; an geordnete Arbeit ist nicht zu denken.
Das erste dunkle Feld im Boden.
1817
Im Englischen Hof
Herzog Carl von Mecklenburg-Strelitz verleiht erneut die englischen Statuten. Die Loge tagt im Englischen Hof am Kornmarkt.
Ein Schild erinnert bis heute daran, dass dort Heinrich Heine seine Brüder besuchte.
1829 – 1876
Siebenundvierzig Jahre Schweigen
Die Metternichsche Restauration lässt die Arbeit erlöschen. Nicht für ein Jahr, nicht für zehn – für beinahe ein halbes Jahrhundert.
Die Ideen aber wirken außerhalb der Loge weiter, nicht zuletzt durch die Göttinger Sieben und andere Vorkämpfer bürgerlicher Rechte.
1876
Das Licht kehrt zurück
Großmeister Herrig reaktiviert die Loge feierlich. Unter Konrad Gehrig, Senator und später Bürgermeister von Bad Lauterberg, entsteht ein eigenes Haus: das Logenhaus an der Sösepromenade.
Paul von Allwörden gestaltet es weiter aus. Die Loge blüht, getragen von Männern, die im öffentlichen Leben ihrer Stadt standen.
1935
Aufgelöst
Die Loge wird zur „freiwilligen“ Auflösung gezwungen. Das Logenhaus wird enteignet. Der Name Tempel gilt den Machthabern als „zu jüdisch“.
Ein Jahr zuvor hatte ein Osteroder NSDAP-Mitglied einen Bruder angezeigt – den evangelischen Pastor Friedrich Schünemann:
Da ich annehme, daß Sie über Osterode nicht unterrichtet sind, teile ich Ihnen mit, daß der Pastor Fr. Schünemann in Osterode am Harz der hiesigen Loge ‚Zum Tempel der Eintracht‘ angehört. Gustav Wassmann, NSDAP-Mitglied Nr. 47616, 1934
1935 – 1945
Ein Blümchen am Revers
Zehn Jahre ohne Tempel, ohne Versammlung, ohne Ritual. Das längste zusammenhängende Dunkel dieser Chronik.
Überliefert ist, dass die Brüder einander in dieser Zeit an einem Vergissmeinnicht erkannten – klein genug, um es am Revers zu tragen, ohne aufzufallen.
1. Januar 1946
Und es ging weiter
Am ersten Tag des Jahres 1946 gründet sich der Verein ehemaliger Freimaurer der Loge Zum Tempel der Eintracht. Brüder wie Albert und August Nagel und Karl Arntz hatten das Licht am Leben gehalten.
Karl Arntz, schon 1933 Meister vom Stuhl, übernimmt den Hammer erneut. Der Boden wird wieder hell.
1984
Ein Licht an der Grenze
Das Walkenried-Masonikum entsteht – ein internationales Treffen, bewusst nahe der innerdeutschen Grenze gelegt.
Dort, wo Systeme trennen wollten, entzündete die Freimaurerei ein Licht der Verständigung. Nach der Wende half Osterode bei der Gründung der Loge Roland zur Eintracht in Nordhausen.
2008
Zurück am Kornmarkt
Die Loge zieht in das Rinne-Haus am Kornmarkt. Mit viel Eigenleistung entsteht ein neuer Tempel.
2009 wird das Licht feierlich eingebracht. Siebzig Jahre nach der Enteignung hat die Loge wieder ein eigenes Haus.
Heute
Der Boden, auf dem wir stehen
Sechsundzwanzig Felder, acht davon dunkel. Zusammengerechnet hat diese Loge mehr als achtzig Jahre lang geschwiegen – und arbeitet doch seit 1772.
Das ist der eigentliche Inhalt des Mosaikfußbodens: Dunkel und Licht wechseln einander ab, und keines von beiden ist das Ende.